Die Idee wurde am Tresen eines kroatischen Nobel-Hotels geboren. Nach dem Nachtslalom letzten Februar in Zagreb und dem vierten Bier erklärte der 44-jährige Girardelli dem SonntagsBlick-Reporter übermütig, er würde im Duell mit einem aktuellen Ski-Champion mindestens zwei Sekunden schneller fahren. «Ich wette um ein Abendessen im teuersten Restaurant Zürichs!» Bedingung: Girardelli, der vor 12 Jahren sein letztes Weltcuprennen bestritt, fährt mit den allerneusten Renn-Curvern. Sein Gegner aber muss sich Skis anschnallen, die zu Girardellis Blütezeit gefahren wurden – untaillierte, lange Latten, die man heute nur noch im Museum
bestaunen kann.
Kurz vor dem Weltcupauftakt konnte dieser epochale Zweikampf auf dem Söldner Rettenbach-Gletscher tatsächlich über die Bühne gehen. Girardelli hatte seinen Gegner gefunden. Kein geringerer als der amtierende Kitzbühel-Sieger Marco Büchel (36), ein echter Gradmesser. Nicht zum Nachteil für die Wette: Büchel gehört zu den ganz wenigen aktuellen Weltcup-Piloten, die zu Beginn ihrer Rennfahrerkarriere noch mit untaillieren Skis gefahren sind.
Der Liechtensteiner erscheint mit 2.05 langen Riesenslalom-Latten mit Jahrgang 1992 am Start dieses einmaligen SonntagsBlick-Derbys. Sein Gesicht zeigt Entschlossenheit. Doch als die Frohnatur aus dem
Fürstentum dem gebürtigen Vorarlberger Girardelli für das Rennen seine neuen Rennlatten übergeben
muss, scheint er zu realisieren, dass das für ihn kein Spaziergang wird: «Dieser Riesenslalom ist sehr eckig
ausgeflackt, massgeschneidert für die jetzigen Curver.» Nach dem Einfahren sieht Büchel seine Befürchtungen
bestätigt: «Mit diesen alten Brettern eine Kurve zu fahren, fühlt sich an, als müsstest du einen hundert Kilo schweren Stein hundert Meter durch die Luft schleudern.»
Auch Altstar Girardelli ist sich seiner Sache während der Besichtigung nicht mehr so sicher wie damals in Bierlaune. Kunststück: Giras Knie sind nach acht Operationen arg lädiert. «Hoffentlich habe ich noch genug Power, um diese neuen Head-Raketen zu bändigen. Bis jetzt habe ich nur mit Allround-Curvern Erfahrungen gesammelt.» Wie gerufen, bekommt Girardelli moralische Unterstützung.
Am Start taucht Trainerlegende Karl Frehsner auf. Der «eiserne Karl» hat in den Achtzigern als Cheftrainer von Pirmin Zurbriggen und Peter Müller unzählige heiße Schlachten gegen Girardelli und dessen Trainer-Vater Helmut bestritten. Noch heute ist er ein Bewunderer des fünffachen Gesamtweltcup-Siegers. «Der Gira ist einer der grössten Athleten aller Zeiten. Er ist heute noch so gut und so ehrgeizig, dass ich in einem solchen Duell gegen einen jüngeren Athleten einen Herzinfarkt befürchte. Aber nicht bei Marc, sondern beim Jungen, weil dieser schockiert erkennen muss, dass ihm der Alte immer noch um die Ohren fährt…»
Zum Glück ist Büchel nicht mehr gar so jung und sein «Motor» stark genug, sonst wäre er mit den Head-Oldtimern wohl schon beim dritten Tor kollabiert. Die untaillierten Riesenlatten sind nämlich nicht in der Lage das umzusetzen, was der geniale Skifahrer Büchel möchte. Die alten Bretter machen ihm das Leben so schwer, dass sein acht Jahre älterer Herausforderer schnell wieder zum siegesgewissen Sprücheklopfen zurückfindet: «Ich glaube, es reicht, wenn ich mit einem Ski antrete!» Büchel kämpft, knorzt, schwitzt, flucht und erreicht das Ziel
schließlich in einer Zeit von 44.50. Als sich Girardelli auf der Piste befindet, kann man kaum glauben, dass er vor 12 Jahren sein letztes Weltcuprennen absolviert hat – er fährt locker, wie auf Schienen, wie einst das Ziel-S bei der Lauberhornabfahrt. Laufzeit: 40.27!
Büchel ist schwer geschlagen, die Wette schon fast verloren, doch es gibt einen zweiten Lauf, letzte Hoffnung
für den Liechtensteiner. Tatsächlich steigert er sich, legt mit 43.92 vor. Girardelli kontert mit 39.84 und frohlockt im Ziel: «Ich glaub, ich muss wieder im Weltcup an den Start gehen!» Büchel, der Arme, ist einfach nur froh, dass er seine tolle Karriere wieder mit dem aktuellen Material fortsetzen darf: «Vor dem Start habe ich noch geglaubt, dass ich zumindest die ersten Kurven leicht curven kann. Aber dem war nicht so. Ich musste meine Technik komplett umstellen und nach jedem Tor umsteigen wie in der Steinzeit.»
Girardelli tröstete seinen geschlagenen Wettpartner: «Mach dir nichts draus, mit diesen alten Ski kann man nicht besser aussehen. Im Slalom würde das Resultat noch extremer ausfallen.» Im Frühjahr nach der Skisaison werden sich unsere Nostalski-Helden wieder treffen: zum Abendessen im teuersten Restaurant von Zürich.
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